Hautgesundheit in der Pflege
-
Sven Kamann -
September 25, 2025 at 10:30 AM -
577 Views -
0 Comments -
14 Minutes
- Hautgesundheit in der Pflege: Bedeutung und Grundlagen
- Grundprinzipien der professionellen Hautpflege
- Der pH-Wert der Haut
- Waschfrequenz: Weniger ist oft mehr
- Pflegeprodukte – Chancen und Risiken
- Pflegeprodukte aus Drogerie und Werbung – Mythos vs. Praxis
- Präventive Hautpflege in der Pflegepraxis
- Typische Hautschäden und pflegerische Interventionen
- Screening, Risikoerhebung und Pflegeplanung
- Schulung und Aufklärung
- Quellen
Hautgesundheit in der Pflege: Bedeutung und Grundlagen
Die Haut ist nicht nur das größte, sondern auch eines der funktionell vielseitigsten Organe des Menschen. Sie dient als mechanische Barriere, verhindert Flüssigkeitsverlust, schützt vor chemischen und mikrobiellen Einflüssen, reguliert die Körpertemperatur und ist ein aktiver Teil des Immunsystems. Darüber hinaus ermöglicht sie Berührung, Schmerz- und Temperaturempfinden – und damit Teilhabe, Kommunikation und Wohlbefinden.
Gerade in der professionellen Pflege steht die Haut im Fokus: Viele Pflegeempfängerinnen und -empfänger haben alters- oder krankheitsbedingt eine verringerte Hautresilienz. Mit zunehmendem Alter nimmt die Talgproduktion ab, die Epidermis wird dünner, der Wasserhaushalt instabiler. Komorbiditäten (z. B. Diabetes mellitus, pAVK, Herzinsuffizienz, neurologische Erkrankungen) und Medikamente (z. B. Glukokortikoide, Diuretika, Zytostatika) beeinflussen Durchblutung, Wundheilung und Barrierefunktion. Das macht eine systematische, evidenzbasierte Hautpflege zu einem Kernbestandteil der Pflegequalität.
Merke: Hautpflege ist Prävention und Therapie zugleich – sie schützt die Barriere, beugt Schäden vor und unterstützt Heilung.
Grundprinzipien der professionellen Hautpflege
Ziel professioneller Hautpflege ist der Erhalt bzw. die Wiederherstellung der Barrierefunktion bei minimaler Belastung. Fünf Grundprinzipien leiten das Handeln:
- Integrität erhalten: Jede Mikroläsion kann Eintrittspforte für Keime sein. Bei fragiler, atrophischer Haut steigen Risiken exponentiell.
- Sanft reinigen: pH-hautneutrale/leicht saure Syndets statt alkalischer Seifen; mechanische Reizung (Rubbeln) vermeiden.
- Wasserexposition begrenzen: „So kurz wie möglich, so viel wie nötig“ – Feuchtigkeits- und Quellstress reduzieren.
- Barriere unterstützen: Rückfettende, feuchtigkeitsbindende Formulierungen (z. B. mit Glycerin, Urea) mindern TEWL und stabilisieren das Stratum corneum.
- Praxistauglichkeit: Produkte müssen schnell einziehen, geruchsarm und handschuhkompatibel sein und sich in Abläufe integrieren lassen.
Tipp: Wenige, gut verträgliche Produkte im Standard sparen Zeit, reduzieren Hautirritationen und verbessern die Adhärenz.
Der pH-Wert der Haut
Der natürliche pH-Wert der Haut liegt im leicht sauren Bereich (ca. 4,7–5,5). Dieser sogenannte Säureschutzmantel fördert eine schützende Mikrobiota, stabilisiert Lipid-Enzyme in der Hornschicht und hemmt pathogene Keime. Bereits kurze Exposition gegenüber alkalischen Substanzen kann den pH-Wert deutlich anheben und die Barrierefunktion stören.
Achtung: Klassische Seifen (pH 9–11) neutralisieren den Säureschutzmantel binnen Sekunden. Die Re-Acidifizierung bis in den Normbereich kann bis zu 24 Stunden dauern – in dieser Zeit ist die Haut vulnerabler.
Geeignete Reinigungs- und Pflegeprodukte sind daher pH-hautfreundlich eingestellt und enthalten rückfettende und hydratisierende Komponenten. Zusätzliche Reizfaktoren (viel Alkohol, intensive Duftstoffe, aggressive Tenside) sollten konsequent gemieden werden.
Waschfrequenz: Weniger ist oft mehr
„Frischekick“ klingt gut – ist aber häufig eine Illusion. Jede Waschung mit Wasser und Tensiden zerstört temporär den Säureschutzmantel. Bei täglicher oder gar mehrfacher Vollwaschung bleibt die Haut in einem chronischen „Erholungsmodus“ und reagiert mit Trockenheit, Juckreiz, Rissbildung und höherer Infektanfälligkeit.
Praxisleitlinie: Nicht jede Körperregion benötigt täglich Seife und Wasser. Belastete Zonen (Intimbereich, Achseln, Hände, Gesicht) werden bedarfsgerecht gereinigt; übrige Areale profitieren häufig mehr von sanftem Abtupfen und konsequenter Rückfettung.
Fehler vermeiden: „Je mehr, desto sauberer“ gilt nicht für die Haut. Überpflege ist ein häufiger Auslöser von Irritationen, Mazeration und Folgeschäden.
Merke: Hautgesundheit entsteht durch gezielte Pflege – nicht durch maximale Waschhäufigkeit!
Pflegeprodukte – Chancen und Risiken
Nicht die Marke entscheidet, sondern die Formulierung. Geeignet sind Produkte, die pH-hautfreundlich eingestellt sind, Feuchtigkeit binden (z. B. Glycerin, Urea, Hyaluronsäure) und die Lipidbarriere unterstützen (z. B. Ceramide, pflanzliche Öle, okklusive Komponenten in Maßen). Ungeeignet sind stark parfümierte Produkte, hohe Alkoholanteile und aggressive Tenside, die entfetten und irritieren.
Tipp: Kurze, nachvollziehbare INCI-Listen bevorzugen. Bei bekannter Kontaktallergie gezielt allergenarme Produkte wählen und neue Präparate an kleiner Stelle „patch-testen“.
Achtung: „Naturkosmetik“ ist nicht automatisch hautfreundlich: Ätherische Öle und manche Pflanzenextrakte sind potente Kontaktallergene.
Pflegeprodukte aus Drogerie und Werbung – Mythos vs. Praxis
Sie kennen die Szenen aus der Werbung... Menschen springen lachend durch Wasserfälle, drehen sich in Zeitlupe über blühende Wiesen oder genießen angeblich einen „Frischekick für den ganzen Tag“.
Slogans wie „Spüren Sie die Kraft der Natur“, „Haut wie Seide“ oder „Schützen Sie Ihre Haut rund um die Uhr“ wirken ansprechend – und vermitteln den Eindruck, mit jeder Dusche Gesundheit und Jugendlichkeit zu tanken. Doch genau hier liegt das Problem. Solche Produkte sind für gesunde, robuste Haut entwickelt – nicht für die empfindliche und oft vorgeschädigte Haut älterer oder pflegebedürftiger Menschen.
In der Pflegepraxis zeigt sich immer wieder: Hinter dem beworbenen „Erfrischungsgefühl“ steckt häufig ein hautbelastender Effekt. Produkte mit intensiven Duftstoffen, starkem Schaum oder „Extra-Frische-Formeln“ enthalten meist aggressive Tenside und zahlreiche Konservierungsstoffe. Diese greifen den natürlichen Säureschutzmantel an, trocknen die Haut aus und fördern Rötungen, Juckreiz oder sogar kleine Einrisse. Was im Werbespot nach Vitalität klingt, führt in der Realität oft zu einer gestressten und anfälligen Hautbarriere – mit allen Risiken von Infektionen bis hin zu chronischen Hautproblemen.
Vielleicht kennen Sie die Situation: Angehörige bringen mit bester Absicht die gewohnte Bodylotion oder das vertraute Duschgel von zu Hause mit. Schließlich verwenden sie es selbst seit Jahren und fühlen sich wohl damit. Doch die Haut älterer Menschen reagiert deutlich empfindlicher. Sie produziert weniger Talg, regeneriert langsamer und kann Duft- oder Konservierungsstoffe nicht so gut kompensieren wie junge, gesunde Haut. Ein „Duschgel mit Energie-Kick“ ist dann kein Vorteil mehr – es schwächt vielmehr die ohnehin fragile Hautbarriere.
Achtung: Begriffe wie „extra frisch“, „besonders reinigend“ oder „intensive Pflege“ sind in erster Linie Marketingaussagen – und keine Garantie für Hautverträglichkeit. Lassen Sie sich davon nicht täuschen. In der Pflege geht es nicht darum, ob ein Produkt angenehm riecht oder hübsch verpackt ist, sondern ob es die Haut schützt, stabilisiert und die Regeneration unterstützt.
Tipp: Achten Sie auf die Inhaltsstoffe, nicht auf den Werbeslogan. Gute Pflegeprodukte sind pH-hautneutral, enthalten rückfettende und feuchtigkeitsspendende Substanzen (z. B. Glycerin, Urea, Hyaluronsäure) und sind frei von unnötigen Duft- oder Konservierungsstoffen. Wenn Sie unsicher sind, sprechen Sie mit Pflegefachkräften – sie können Ihnen geeignete Produkte empfehlen und erklären, warum „frisch riechend“ nicht gleich „hautgesund“ bedeutet.
Ein weiterer Aspekt, den Sie in der Praxis unbedingt berücksichtigen sollten: Auch wenn ein Produkt aus fachlicher Sicht ungeeignet ist, kann es für die betroffene Person von großer Bedeutung sein. Viele Menschen haben eine Lieblingscreme oder ein bestimmtes Duschgel über Jahre hinweg benutzt und verbinden damit Vertrautheit, Wohlbefinden oder sogar ein Stück Identität. In solchen Fällen gilt: Der Wunsch der betroffenen Person steht an oberster Stelle. Wenn die Haut stabil bleibt und keine akuten Schäden entstehen, darf ein solches Produkt – nach dokumentierter Beratung – weiterverwendet werden.
Praxisbeispiel:
- Frau M. lebt seit fünf Jahren in einer Pflegeeinrichtung. Schon seit ihrer Jugend benutzt sie dieselbe Körperlotion – für sie ein Stück Alltag und Wohlbefinden. Aus dermatologischer Sicht ist die Lotion nicht optimal. Sie enthält viele Duftstoffe. Doch Frau M. ist aufgeklärt, versteht die Risiken und besteht darauf, diese weiterhin zu nutzen. Ihr Wunsch wird respektiert und dokumentiert.
- Herr K. hingegen leidet an einer fortgeschrittenen Demenz. Er kann nicht mehr selbst entscheiden, welche Produkte für ihn geeignet sind, und versteht auch die möglichen Risiken nicht mehr. In diesem Fall entscheidet das Pflegeteam in Absprache mit den Angehörigen für ein pH-neutrales, hautfreundliches Produkt, das medizinisch sinnvoll ist und die Haut schützt.
Merke: Solange Menschen ihre Entscheidungen bewusst treffen können, hat ihr Wunsch Vorrang. Wenn dies nicht mehr möglich ist, steht die Fürsorgepflicht im Vordergrund – dann muss im Sinne der Hautgesundheit entschieden werden.
Präventive Hautpflege in der Pflegepraxis
Prävention ist ein geplanter Prozess aus Beobachtung, Entscheidung und Maßnahme. Sie folgt drei Leitfragen: Was ist belastet? Was braucht Entlastung? Wie sichere ich Nachhaltigkeit?
- Reinigung strukturieren: Bedarfsorientierte Teilwaschungen; pH-freundliche Syndets; sanftes Abtupfen statt Reiben.
- Konsequent rückfetten: Nach jeder Reinigung geeignete Pflege auftragen; besonders an Schienbeinen, Unterarmen, Händen und in Falten.
- Risikozonen schützen: Fersen, Kreuzbein, Trochanteren und Hautfalten regelmäßig inspizieren, polstern, trocken halten.
- Mechanik reduzieren: Schmuck ablegen, Ecken und Kanten polstern, weiche Kleidung/Bezüge einsetzen.
- Mobilisieren und lagern: Druck- und Scherkräfte durch Positionswechsel und Transfertechniken verringern (Gleitmatten, 30°-Lagerung).
Merke: Hautprävention ist Teamarbeit – Pflege, Ergo/Physio und Ernährungsmanagement gehören an einen Tisch.
Typische Hautschäden und pflegerische Interventionen
Druck- und Scherkräfte (Dekubitus)
Definition: Lokal begrenzte Schädigung von Haut/Weichteilen über Knochenvorsprüngen infolge anhaltenden Drucks bzw. Drucks mit Scherkräften. Häufige Lokalisationen: Kreuzbein, Fersen, Trochanteren, Ellenbogen, Hinterkopf.
Pathophysiologie: Druck übersteigt Kapillardruck → Ischämie, Hypoxie, Zellschaden. Scherkräfte verschieben Gewebe gegeneinander und verstärken die Mikrozirkulationsstörung.
Risikofaktoren: Immobilität, Inkontinenz/Feuchte, Mangelernährung, sensorische Defizite, Dehydratation, Fieber, Medikamente (Sedativa), Gefäßkrankheiten.
Klinik: Von nicht wegdrückbarer Rötung (Kategorie 1) bis zu tiefen Ulzera (Kategorie 3/4); in frühen Stadien oft nur Temperatur-/Konsistenzveränderung und Schmerzempfinden.
Pflegeziele: Druckentlastung, Scherreduktion, Hautschutz, frühzeitige Erkennung, leitliniengerechte Wundbehandlung.
- Druckmanagement: Lagerungspläne, Wechseldruck-/viskoelastische Matratzen, Fersenfreilagerung, Sitzdruck messen/optimieren.
- Scherreduktion: Gleitmatten, Transfertraining, Kopfteil nicht dauerhaft hoch (>30° nur situationsbezogen).
- Früherkennung: Tägliche Inspektion; dokumentiere Rötungen, Temperatur, Turgor, Schmerzreaktion.
- Wundversorgung: Ab Kategorie 2 standardisiert; Exsudatsteuerung, feuchtes Wundmilieu, atraumatischer Verbandwechsel.
- Begleitend: Protein-/Energiezufuhr, Flüssigkeit, Schmerzmanagement, ggf. antidekubitusgerechte Sitzhygiene.
Fehler vermeiden: Ringförmige „Donuts“ unter Fersen/Kreuzbein erzeugen Randdruck – bitte nicht verwenden.
Feuchtigkeitsassoziierte Hautschäden (FAH: IAD, Intertrigo)
Definition: Hautschäden durch längerfristige Exposition gegenüber Feuchtigkeit (Urin, Stuhl, Schweiß, Exsudat) in Kombination mit Reibung/Mikrotraumata.
Risikofaktoren: Inkontinenz (Stuhl > Urin), Schwitzen (Fieber, Adipositas), Okklusion (Inkontinenzmaterial), ungeeignete Reinigung (Reiben, Alkalien).
Klinik: Rötung, Mazeration, Brennen, Schmerz; bei Superinfektion (z. B. Candida) Satellitenpusteln, mazerierte Ränder, nässende Erosionen.
Pflegeziele: Feuchte reduzieren, Reibung minimieren, pH schützen, Sekundärinfektionen verhindern.
- Sanfte Intimpflege: pH-freundliche Reinigungsprodukte; tupfen statt reiben.
- Inkontinenzmanagement: Passform, Saugstärke, Wechselrhythmen optimieren; atmungsaktive Materialien bevorzugen.
- Schutzschichten: Barrierecremes/-sprays dünn und regelmäßig; keine „dicken Pastenpanzer“.
- Faltenmanagement: Luftig halten; Textil-/Schaum-Pads, häufige Kontrolle; Kleidung/Bettausstattung anpassen.
- Infektionen: Bei Verdacht früh antimykotisch; Ursachen (Feuchte!) parallel behandeln.
Tipp: Dokumentiere Ausdehnung, Feuchtegrad und Schmerz – so erkennst du Trends und passt Maßnahmen an.
Peristomale Dermatitis
Definition: Reiz-, Kontakt- oder Feuchtedermatitis der Haut rund um ein Stoma (Ileo-, Colo-, Urostoma).
Ursachen: Leckagen, aggressive Ausscheidungen (v. a. proteolytisch bei Ileostoma), okklusive Kleber, wiederholtes, mechanisch belastendes Ablösen von Platten/Beuteln.
Risikofaktoren: Unpassende Schablone/Lochgröße, Falten/Unebenheiten, Hernien, Gewichtsveränderungen, Schwitzen, fehlende Hautschutzroutinen.
Klinik: Erythem, Brennen, Nässen, Erosionen; bei Superinfektion pustulöse Läsionen. Chronik droht bei wiederholten Leckagen.
Pflegeziele: Dichte, hautschonende Versorgung; Feuchte/Klebereiz minimieren; Schmerzen reduzieren; Autonomie fördern.
- Versorgungsanpassung: Schablone exakt anpassen; Konvexität prüfen; Falten ausgleichen (Pasten/Ringe).
- Hautschutz: Dünne, filmende Barriereprodukte; Klebereste schonend entfernen; „No-rub“-Prinzip.
- Reinigung/Trocknung: Wasser/feuchte, fusselfreie Kompressen; sorgfältig tupfend trocknen; keine Reibung.
- Wechselintervalle: Stabil, aber nicht zu lang; auf Exsudat/Austritt reagieren; Undichtigkeiten sofort managen.
- Interdisziplinär: Stomatherapie/MPA einbeziehen; Schulung von Betroffenen/Angehörigen.
Achtung: Schmerzen unter einer „dicht wirkenden“ Platte sind ein Alarmsignal – an Unterwanderung/Leckage denken.
Wundumgebungsdermatitis (peri-wundliche Haut)
Definition: Irritative/entzündliche Veränderungen der Haut unmittelbar um eine Wunde – ausgelöst durch Exsudat, Kleber, Reibung und wiederholte Verbandwechsel.
Klinik: Rötung, Mazeration, Erosionen; schmerzempfindliche, fragile Haut; teils Kontaktallergie auf Klebstoffe.
Pflegeziele: Exsudat so steuern, dass die Wunde feucht bleibt, die Umgebungshaut aber trocken und intakt; atraumatische Verbände verwenden; Wechselintervalle optimieren.
- Exsudat-Management: Saugfähige, kapillaraktive Auflagen; ggf. Superabsorber bei starken Mengen; „Leckagewege“ unterbinden.
- Schutz der Umgebungshaut: Dünne Barrierefilme/-gele; Klebeflächen verkleinern; Silikon-Adhäsive bevorzugen.
- Wechselstrategie: So selten wie möglich, so oft wie nötig; atraumatisches Lösen; Vorwärmen der Verbände vermindert Zug.
- Trigger prüfen: Kontaktallergien auf Kleber/Salben bedenken; ggf. Materialwechsel.
Tipp: Ein Foto-/Maßband-basierter Verlauf (mit Einwilligung) erhöht die Objektivität der Beurteilung.
Fragile Haut & Skin Tears (Hautrisse)
Definition: Akute, traumatisch bedingte Risse der oberflächlichen Haut mit (teils) erhaltenem Hautlappen; typisch bei „Pergamenthaut“ älterer Menschen.
Risikofaktoren: Alter, Dehydratation, Langzeitsteroide, Antikoagulation, kognitive Einschränkung (Unruhe), Umgebungsrisiken (scharfe Kanten, harte Textilien), unsachgemäßer Verbandsabzug.
Klinik: Linear-/Lappenförmige Risse, schnell blutend, schmerzhaft; Einteilung (z. B. nach ISTAP) je nach Erhalt des Hautlappens.
Pflegeziele: Blutung stillen, Hautlappen vital erhalten, atraumatisch schützen, Heilung fördern, Rezidive vermeiden.
- Akut: Blutstillung (sanfter Druck, ggf. Alginate), sterile Spülung, Hautlappen mit Pinzette sanft reponieren.
- Verband: Nicht-verklebende, silikonbasierte Kontaktlagen; Polsterung; Scherzug vermeiden; klare Beschriftung „atraumatisch entfernen“.
- Umgebung: Möbelkanten abpolstern, Kleidung weich/langärmlig; Schmuck/Nagelpflege beachten.
- Dokumentation/Schulung: Wundfotografie, Größe, Lappenerhalt; Angehörige in atraumatische Pflege einweisen.
Fehler vermeiden: Trockene Gazen auf der Wunde verkleben – beim Abzug drohen neue Risse.
Screening, Risikoerhebung und Pflegeplanung
Systematisches Screening bildet das Rückgrat der Hautprävention. Es kombiniert standardisierte Instrumente mit klinischer Einschätzung und führt zu einem individuellen Pflegeplan mit klaren Maßnahmen, Zuständigkeiten und Evaluation.
Methodik des Screenings
Standardinstrumente: Braden-Skala (Sensorik, Feuchte, Aktivität, Mobilität, Ernährung, Reibung/Scherkräfte), Norton-Skala (Allgemeinzustand, mentaler Status, Kontinenz, Mobilität, Aktivität), sowie spezialisierte Tools (z. B. für IAD-Risiko).
Klinische Beurteilung: Hautfarbe/-temperatur, Turgor, Feuchte, Schuppen, Juckreiz, Druckschmerz, Narben/alte Läsionen; Hilfsmittel/Passform prüfen; Transfer-/Lagerungssituationen beobachten.
Tipp: „Kopf-bis-Fuß“-Inspektion bei Aufnahme und bei jeder relevanten Statusänderung – nicht nur „Problemstellen“ anschauen.
Intervalle und Dokumentation
Stationär: i. d. R. tägliche Kurzinspektion plus ausführliche wöchentliche Kontrolle; ambulant: mindestens wöchentlich bzw. anlassbezogen. Dokumentation umfasst Befund, Risiko, Maßnahmen, Wirkung – idealerweise mit Skalenscore und (wo sinnvoll) Fotodokumentation.
Individuelle Pflegeplanung
Aus der Risikoerhebung folgt ein konkreter Plan: Reinigungs- und Pflegefrequenz, Produkte (welche, wo, wie viel), Druckentlastung (Matratzen/Lagerung), Inkontinenzmanagement, Schulung, Evaluationstermine. Pflegeziele sind messbar zu formulieren („Kein Fortschreiten der Rötung an den Fersen in 7 Tagen“, „Juckreiz reduziert von 7/10 auf ≤3/10“).
Merke: Was nicht geplant ist, passiert zufällig – und Zufall ist selten leitlinienkonform.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit
Dermatologie für Differenzialdiagnosen und Therapien; Wundmanagement/Stomatherapie für komplexe Versorgung; Ernährungstherapie bei Mangelernährung; Physio/Ergo für Mobilisation und Hilfsmittelanpassung. Gemeinsame, kurze Fallbesprechungen erhöhen die Wirksamkeit der Maßnahmen.
Digitalisierung und Innovation
Digitale Fotodokumentation, Telekonsile, evidenzbasierte Entscheidungsbäume und KI-gestützte Bildanalyse können Verlauf und Qualitätssicherung verbessern. Wichtig: Datenschutz, Einwilligungen und klare Prozesse. Technik ergänzt – ersetzt aber nicht die klinische Beurteilung.
Schulung und Aufklärung
Pflegefachpersonen, Betroffene und Angehörige brauchen ein gemeinsames Verständnis von Hautgesundheit: pH-Wert, Waschroutinen, Produktauswahl, Druck- und Feuchtemanagement. Kurze, wiederkehrende Mikro-Schulungen im Team und klare Informationsblätter für Angehörige sind erfahrungsgemäß wirksamer als einmalige „Großschulungen“.
Tipp: Visualisiere „Do’s & Don’ts“ (z. B. Poster am Pflegewagen). Das spart Diskussionen und schafft Sicherheit im Alltag.
Quellen
- AWMF S2k-Leitlinie „Berufliche Hautmittel: Hautschutz, Hautpflege und Hautreinigung“, Version 3.0 (2025) (https://register.awmf.org)
- EPUAP Leitlinie: Prävention und Behandlung von Dekubitus (2025) (https://epuap.org/pu-guidelines/)
- Empfehlungen zur Dekubitusprävention, MedUni Graz (2025) (https://pflegewissenschaft.medunigraz.at)
- BGW „Sichere Seiten“ – Hautschutz und Händehygiene in der Humanmedizin (2025) (https://www.bgw-online.de)
- ASU Arbeitsmedizin: Fachartikel zu beruflichen Hautmitteln (2025) (https://www.asu-arbeitsmedizin.com)
- Wissenschaftliche Veröffentlichung zu digitalen Ansätzen in der Wundversorgung (WoundAIssist, 2025) (https://arxiv.org/abs/2506.06104)
- Pflege
- Prävention
- Hygiene
- Hautgesundheit
- Hautpflege
- Dekubitus
- Inkontinenz
- Intertrigo
- Skin Tears
- Pflegepraxis
Comments