Multiresistente Erreger (MRE)
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Sven Kamann -
September 22, 2025 at 12:05 PM -
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- Einführung
- Was sind multiresistente Erreger?
- Häufige MRE und ihre Eigenschaften
- Übertragungswege und Risikofaktoren
- Basishygiene und Prävention
- Umgang mit MRE in der vollstationären Pflege
- MRE im häuslichen Umfeld
- Therapie und Dekolonisation
- Desinfektionsmittel – Auswahl und Wirksamkeit
- Epidemiologie und gesellschaftliche Bedeutung
- Antibiotic Stewardship (ABS)
- Rechtliche Grundlagen und Vorgaben
- Psychosoziale Aspekte und ethische Fragen
- Zukunftsperspektiven
- Literatur und Quellen
1. Einführung
Multiresistente Erreger (MRE) stellen in der modernen Pflegepraxis eine wachsende Herausforderung dar. Durch zunehmende Antibiotikaresistenzen verlieren bewährte Therapien ihre Wirksamkeit. Dies führt nicht nur zu verlängerten Behandlungszeiten, sondern auch zu steigender Morbidität und Mortalität – insbesondere in Pflegeeinrichtungen, in denen viele vulnerable Personen leben. Der sichere, strukturierte Umgang mit MRE ist daher eine zentrale Aufgabe im Rahmen der Infektionsprävention und -kontrolle.
2. Was sind multiresistente Erreger?
Multiresistente Erreger sind Mikroorganismen – meist Bakterien – die Resistenzen gegen mehrere Antibiotikaklassen entwickelt haben. In der Folge sind Standardantibiotika oft wirkungslos. Bei Infektionen mit MRE bleibt häufig nur eine begrenzte Auswahl teurer oder nebenwirkungsreicher Reserveantibiotika.
Besonders relevante Erreger sind:
- MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus)
- VRE (Vancomycin-resistente Enterokokken)
- ESBL (Extended-Spectrum Beta-Lactamase-bildende Enterobacterales)
- CRE / 4MRGN (Carbapenem-resistente Enterobacterales)
- Weitere multiresistente gramnegative Erreger wie Pseudomonas aeruginosa und Acinetobacter baumannii
- Clostridioides difficile (grampositiver sporenbildender Durchfallerreger)
- Candida auris (multiresistente Hefe)
Diese Erreger können Infektionen verursachen oder den Körper symptomlos besiedeln – etwa auf der Haut, in Wunden oder im Darm.
3. Häufige MRE und ihre Eigenschaften
4. Übertragungswege und Risikofaktoren
Multiresistente Erreger (MRE) werden überwiegend durch Kontakt übertragen – entweder direkt von Mensch zu Mensch oder indirekt über kontaminierte Gegenstände oder Flächen. Anders als bei viralen Erregern wie SARS-CoV-2 oder Influenza spielt die Übertragung über die Luft (aerogen) bei den meisten MRE eine untergeordnete oder gar keine Rolle. Trotzdem besteht häufig Verunsicherung, etwa bei MRSA oder Clostridioides difficile, da Übertragungsmechanismen oft falsch eingeschätzt oder mit anderen Infektionserkrankungen verwechselt werden.
Übertragungswege
Der wichtigste Übertragungsweg für MRE ist der direkte Kontakt, insbesondere über die Hände von Pflegekräften, Angehörigen oder Mitbewohnern. Ein klassisches Beispiel ist MRSA, das bei körperlichem Kontakt mit kolonisierten Hautarealen (z. B. Nase, Wunde, Leiste) auf andere Personen übergehen kann. Ebenso werden Darmbakterien wie VRE oder ESBL-bildende Enterobacterales häufig durch Kontakt mit Stuhl, Inkontinenzmaterialien oder kontaminierten Händen übertragen. Die Übertragung ist hier klassisch fäkal-oral.
Ein weiterer relevanter Übertragungsweg ist der indirekte Kontakt über kontaminierte Flächen. Türklinken, Pflegewagen, gemeinsam genutzte Waschbecken oder Pflegehilfsmittel können durch unzureichende Flächendesinfektion oder mangelnde Händehygiene zur Quelle für Erregerübertragung werden. Besonders Acinetobacter baumannii kann auf trockenen Flächen über Tage oder Wochen überleben und ist deshalb im klinischen Umfeld, vor allem auf Intensivstationen, gefürchtet.
MRE können außerdem über medizinische Geräte oder Hilfsmittel verbreitet werden – insbesondere dann, wenn diese nicht sachgerecht gereinigt oder desinfiziert werden. Dazu zählen unter anderem Katheter, Trachealkanülen, Beatmungsschläuche, PEG-Sonden oder Wunddrainagen. Bestimmte Erreger wie Pseudomonas aeruginosa sind in der Lage, sogenannte Biofilme zu bilden, die sich auf Oberflächen in feuchten Milieus (z. B. Waschbecken, Duschköpfe, Schläuche) festsetzen und gegenüber vielen Reinigungsmitteln resistent sind.
Eine Übertragung über die Luft (aerogen oder tröpfchenbasiert) ist bei MRE nicht die Regel. MRSA wird beispielsweise nicht durch Sprechen oder Niesen übertragen, es sei denn, es handelt sich um beatmete Personen mit hohem Keimausstoß über Atemwegsschleimhaut oder offene, stark sezernierende Wunden im Gesicht. Auch Clostridioides difficile wird primär fäkal-oral übertragen – seine Sporen jedoch können durch Staub, Luftverwirbelung (z. B. beim Toilettenspülen ohne Deckel) oder Kontakt mit kontaminierten Oberflächen indirekt auf Hände und dann in den Mund gelangen. Auch bei Candida auris gibt es Hinweise auf mögliche Übertragung über Hautschuppen in Verbindung mit Oberflächenkontakt; hinzu kommt seine ausgeprägte Umweltpersistenz über Wochen bis Monate. Eine gesicherte aerogene Verbreitung wie bei klassischen Viruserkrankungen gibt es jedoch nicht.
Erregerspezifische Übertragungsbeispiele
- MRSA: Kontaktübertragung über Haut, Wunden, Nasenschleimhaut; nicht über die Luft
- VRE/ESBL/CRE: fäkal-orale Übertragung, besonders bei Inkontinenz, mangelnder Toilettenhygiene oder unzureichender Händedesinfektion
- Pseudomonas, Acinetobacter: Geräte- und Flächenkontakt, kontaminierte Flüssigkeiten, Biofilme in feuchten Milieus
- C. difficile: fäkal-oral, Sporenübertragung über Flächen, ggf. Aerosole beim Spülen ohne Deckel
- Candida auris: Hände, kontaminierte Geräte, Umweltflächen; selten auch über Hautschuppen, mit sehr hoher Umweltstabilität
Risikofaktoren
Nicht jede Person ist gleich anfällig für MRE. Bestimmte pflegerische, medizinische und hygienische Faktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit, MRE zu erwerben oder zu übertragen. Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählen:
- Häufige oder langfristige Antibiotikagabe: Diese zerstört die natürliche Schutzflora, insbesondere im Darm, und erleichtert die Besiedlung durch resistente Keime.
- Krankenhausaufenthalte innerhalb der letzten 6 Monate: In stationären Bereichen ist die MRE-Prävalenz besonders hoch, insbesondere auf Intensiv- oder Geriatriestationen.
- Chronische Wunden oder Hautläsionen: Sie dienen als Eintrittspforte für Keime und sind häufig dauerhaft kolonisiert.
- Invasive Hilfsmittel wie Katheter, Trachealkanülen, PEG-Sonden oder Drainagen: Diese durchbrechen natürliche Barrieren und erhöhen das Infektionsrisiko erheblich.
- Inkontinenz und mangelnde Mobilität: Erhöhen die Wahrscheinlichkeit für fäkal-orale oder hautbasierte Übertragung.
- Pflegebedürftigkeit und hoher Pflegeaufwand: Mehr Kontakt bedeutet auch mehr potenzielle Übertragungssituationen.
- Aufenthalte in Risikobereichen wie Reha, Geriatrie, Dialyse, Onkologie oder Langzeitpflegeeinrichtungen mit hoher MRE-Belastung.
5. Basishygiene und Prävention
Eine stringente Basishygiene ist das wirksamste Mittel zur Verhinderung von MRE-Übertragungen.
Standardmaßnahmen
- Händedesinfektion vor und nach jedem Patientenkontakt
- Schutzkleidung bei Kontakt mit potenziell infektiösen Materialien
- Tägliche Flächendesinfektion (Türklinken, Pflegewagen, Waschbecken)
- Personenbezogene Pflegeutensilien: Zahnbürste, Rasierer, Kamm
- Wäschehygiene: getrennte Lagerung, Waschtemperatur ≥60 °C
- Kein gemeinsamer Gebrauch von Hilfsmitteln ohne vorherige Desinfektion
- Hygieneschulungen: regelmäßig und standardisiert für alle Mitarbeitenden
6. Umgang mit MRE in der vollstationären Pflege
Hygienemanagement und Kommunikation
Pflegeeinrichtungen sind verpflichtet, ein strukturiertes Hygienekonzept zu etablieren, das auf aktuellen Empfehlungen (z. B. KRINKO) basiert. Der MRE-Status eines Bewohners muss eindeutig dokumentiert und an alle beteiligten Berufsgruppen (Pflege, Therapie, Reinigung, Hausärzte) kommuniziert werden. Die Einrichtung muss jederzeit auskunftsfähig sein. Hygienepläne sind regelmäßig zu evaluieren und auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse anzupassen.
Isolierung und Raumbeschilderung
In Fällen mit hoher Keimausscheidung (z. B. offener MRSA-Dekubitus, infektiöse Durchfälle bei C. difficile) ist eine befristete Einzelzimmerunterbringung sinnvoll. Die Zimmertür ist deutlich zu beschriften – außen mit einem Hinweis auf Hygienemaßnahmen, innen mit genauen Handlungsanweisungen für das Personal.
- Schutzkleidung (Handschuhe, Kittel, ggf. Mundschutz) ist vor Betreten des Zimmers anzulegen und nach Verlassen im Zimmer zu entsorgen.
- Müll wird doppelt verpackt und entsprechend entsorgt.
- Pflegeutensilien verbleiben im Zimmer oder werden vor dem Entfernen desinfiziert.
- Geschirr und Besteck können normal über die Spülmaschine (≥60 °C) gereinigt werden.
- Oberflächen sind täglich zu desinfizieren – bei sichtbarer Verschmutzung sofort.
Verhalten von Besuchern
Besucher dürfen Bewohner mit MRE grundsätzlich weiterhin besuchen. Die Einrichtung ist verpflichtet, sie über erforderliche Hygienemaßnahmen (z. B. Händedesinfektion, ggf. Schutzkleidung) aufzuklären – z. B. durch Aushänge, Informationsblätter oder persönliche Einweisung. Soziale Teilhabe soll nicht eingeschränkt werden.
Anforderungen an das Personal
Das Personal muss die jeweils aktuellen, einrichtungsinternen Hygieneregeln kennen und einhalten. Diese sind regelmäßig zu aktualisieren, schriftlich festzuhalten und in Schulungen zu vermitteln. Die Hygieneverantwortlichen müssen sicherstellen, dass neue Empfehlungen zeitnah umgesetzt werden.
Kontrollabstriche
- Bei MRSA sind zur Dekolonisationskontrolle drei negative Abstriche (Nase, Rachen, ggf. Wunde) im Abstand von 24 Stunden erforderlich.
- Bei VRE, ESBL, CRE wird auf Kontrollabstriche meist verzichtet, da eine dauerhafte Eradikation selten ist.
- Abstriche erfolgen nur bei medizinischer Indikation oder vor Verlegung in andere Einrichtungen.
Langzeitbesiedlung
MRE-Besiedlungen, insbesondere bei VRE oder CRE, können monate- bis jahrelang persistieren. Eine vollständige „Keimfreiheit“ ist nicht Ziel der Pflege. Stattdessen stehen die konsequente Hygiene, Schutz Dritter und der Erhalt der Lebensqualität im Vordergrund. Dauerhafte Isolierungen sind weder fachlich noch ethisch angezeigt.
7. MRE im häuslichen Umfeld
Auch zu Hause kann mit MRE verantwortungsvoll umgegangen werden:
- Händedesinfektion nach jeder Pflegehandlung
- Handschuhe bei Verbandwechsel oder Inkontinenzpflege
- Wäsche getrennt lagern und bei mindestens 60 °C waschen
- Oberflächen regelmäßig reinigen (insbesondere Bad, Toilette)
- Pflegeutensilien personenbezogen verwenden
- Aufklärung der Angehörigen ohne Panikmache oder Isolation
- Symptomkontrolle: Fieber, Durchfall, Hautveränderungen
8. Therapie und Dekolonisation
Behandelt wird nur bei aktiver Infektion, nicht bei asymptomatischer Besiedlung. Die Auswahl der Antibiotika erfolgt auf Grundlage eines Antibiogramms.
Dekolonisation ist nur bei MRSA empfohlen – z. B. mit:
- Mupirocin-Nasensalbe
- Körperwaschung mit Octenidin oder Chlorhexidin
- Täglicher Wäschewechsel
- Flächendesinfektion im häuslichen und stationären Umfeld
9. Desinfektionsmittel – Auswahl und Wirksamkeit
Allgemeine Mittel
- Hände: alkoholische Mittel (z. B. Ethanol, Isopropanol)
- Flächen: VAH-gelistete Mittel (z. B. QAV, Aldehyde)
- Instrumente: medizinproduktgerechte Mittel, ggf. Thermodesinfektion
Erregerspezifische Anforderungen
Einwirkzeiten
- Händedesinfektion: mindestens 30 Sekunden
- Flächendesinfektion (Standard): 1–2 Minuten
- Sporizide Mittel: mindestens 5 Minuten
- Produktetiketten und Einwirkzeiten immer beachten
Nur VAH- oder RKI-gelistete Mittel sollten verwendet werden. Die Einrichtung muss regelmäßig prüfen, ob eingesetzte Desinfektionsmittel für alle relevanten Erreger geeignet sind.
10. Epidemiologie und gesellschaftliche Bedeutung
Die Prävalenz von MRE nimmt weltweit zu. Nach Schätzungen des ECDC sterben in Europa jährlich mehr als 30.000 Menschen an Infektionen mit resistenten Erregern. In Deutschland zeigt das RKI, dass MRSA in Krankenhäusern leicht rückläufig ist, während gramnegative Resistenzen (ESBL, CRE) zunehmen. MRE verursachen längere Liegezeiten, höhere Behandlungskosten und eine stärkere Belastung für Pflege und Angehörige.
11. Antibiotic Stewardship (ABS)
Der verantwortungsvolle Einsatz von Antibiotika ist entscheidend, um Resistenzen einzudämmen. ABS-Programme umfassen:
- Gezielte Auswahl geeigneter Wirkstoffe auf Basis von Antibiogrammen
- Vermeidung unnötiger Breitbandantibiotika
- Therapiedauer so kurz wie möglich, so lang wie nötig
- Interdisziplinäre Zusammenarbeit (Ärzte, Pflege, Mikrobiologie, Apotheker)
- Dokumentation & Feedback: Antibiotikaverbrauch überwachen und Rückmeldungen an Teams geben
Pflegekräfte tragen durch Beobachtung, Symptomdokumentation und die Sensibilisierung von Ärzten eine wichtige Rolle im ABS bei.
12. Rechtliche Grundlagen und Vorgaben
In Deutschland regelt § 23 Infektionsschutzgesetz (IfSG) die Anforderungen an Krankenhaushygiene und Infektionsprävention. Pflegeeinrichtungen müssen Hygienebeauftragte benennen, Hygienepläne erstellen und umsetzen. Landes-Hygieneverordnungen konkretisieren diese Vorgaben. Die KRINKO-Empfehlungen des RKI gelten als fachlicher Standard und müssen in allen Einrichtungen berücksichtigt werden.
13. Psychosoziale Aspekte und ethische Fragen
Der Umgang mit MRE darf nicht zur sozialen Isolation von Betroffenen führen. Angst und Stigmatisierung sind häufige Folgen, insbesondere in stationären Einrichtungen. Ziel ist es, ein Gleichgewicht zwischen Infektionsschutz und Lebensqualität zu schaffen. Ethikkommissionen empfehlen, Isolation nur bei hoher Keimausscheidung und unter Wahrung sozialer Kontakte durchzuführen.
14. Zukunftsperspektiven
Forschung und Medizin arbeiten an neuen Lösungen:
- Neue Antibiotika und Wirkstoffkombinationen
- Phagentherapie (Einsatz von Bakteriophagen)
- Immuntherapeutische Ansätze und Impfstoffentwicklung
- Resistenzregister und digitale Überwachungssysteme
Langfristig wird eine Kombination aus rationalem Antibiotikaeinsatz, strenger Hygiene und innovativen Therapien nötig sein, um die Verbreitung multiresistenter Erreger einzudämmen.
15. Literatur und Quellen
- Robert Koch-Institut (2021): KRINKO-Empfehlungen zu MRE
- VAH-Liste 2024: geprüfte Desinfektionsmittel
- DGKH (2023): Hygienemanagement in Pflegeeinrichtungen
- BZgA: Materialien für Hygiene im häuslichen Bereich
- Maechler, F. (2023): Epidemiologie multiresistenter Enterobacterales
- Ahmadi, F. (2023): MRE-Prävalenz in geriatrischen Einrichtungen
- ESCMID Guidelines (2023): Management von C. difficile
- Pflege
- MRE
- Multiresistente Erreger
- MRSA
- VRE
- ESBL
- Acinetobacter
- Pseudomonas
- Clostridioides difficile
- Candida auris
- Hygiene
- Infektionsprävention
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